E-Motionen: Testfahrt im Elektro-Golf

Ist man in Wolfsburg und näherer Umgebung unterwegs, hat man die Chance, ein auf unseren Straßen ziemlich seltenes Fahrzeug zu erblicken. Man muss jedoch zwei Mal hinsehen, denn rund um die Volkswagen Autostadt fahren einige weiße Fahrzeuge vom Typ VW Golf 6 rum, die aber gar nicht so normal sind. Erkennbar sind sie vor allem an den aufgeklebten Slogans, die sie als Elektro-Golf ausweisen. Denn VW testet u.a. in Wolfsburg knapp 80 Golf mit reinem Elektroantrieb in einem Großtest. Das beste daran ist aber, dass man als ganz normaler Mensch ebenfalls den Elektro-Golf – oder wie er offiziell heißt: Golf Blue-e-Motion – testen darf, was ich mir natürlich nicht habe nehmen lassen.

Golf blue-e-motion Front

Rein äußerlich sieht der VW Golf Blue-e-Motion aus wie ein normaler Golf. Auch wenn man im Auto sitzt, dürfte einem Unkundigen der Unterschied kaum auffallen. Es sind jedoch Kleinigkeiten, die ins Auge stechen: Das vermeintliche Automatikgetriebe – tatsächlich ist es nur ein 1-Gang-Getriebe – hat eine zusätzliche Stufe „B“ für den Rekuperationsmodus bekommen, der ehemalige Drehzahlmesser zeigt nun nicht mehr die Drehzahl des Motors sondern die Momentan-Belastung des Akkus an und insgesamt ist im Cockpit mehr blau vorhanden als in den normalen Serienmodellen. 

Startet man dann den Motor… passiert augenscheinlich erstmal nichts. Denke ich. Aber ich werde, wie wohl jeder andere Autofahrer, der das erste Mal in einem Elektroauto sitzt und es startet, nur verschaukelt. Denn natürlich fehlt das obligatorische Geräusch eines Verbrennungsmotors, was aber nicht bedeutet, dass der Motor nicht schon auf die erste Berührung des Gaspedals wartet. Selbige Geräuschlosigkeit kann natürlich zur Gefahr im Straßenverkehr werden, man denke nur an sehbehinderte oder einfach unaufmerksame Menschen. Daher sind im Elektro-Golf Lautsprecher verbaut, die bis zur Geschwindigkeit von 35 km/h ein Fahrgeräusch simulieren. Dadurch geht zwar leider das entspannende, ruhige Dahingleiten des Elektromobils verloren, aber Sicherheit geht vor! Bei höheren Geschwindigkeiten ist das übrigens nicht mehr notwendig, da die Abrollgeräusche laut genug werden, um das Fahrzeug nicht zu überhören.

Golf Blue-e-motion Heck

Die zusätzliche Stufe B am Schalthebel ist übrigens die sog. Rekuperationsstufe Segeln. Das bedeutet, wenn man beim Fahren vorausschauend vom Gas geht, der Motor nun bremsend tätig wird und dadurch wie bei einem Dynamo die Batterie wieder auflädt. Über die ursprünglichen Schaltpaddles am Lenkrad kann man nun drei verschiedene Rekuperationsstufen auswählen, die je höher sie ist, mehr Energie zurückgewinnt und dementsprechend das Auto auch so stark verzögert, dass die Bremsleuchten aufleuchten.

Das 1-Gang-Getriebe des Golf Blue-e-Motion hat natürlich einen schönen Vorteil: Es zieht vom Start weg ordentlich durch, man hat einen ganz anderes Gefühl der 68 PS als bei einem vergleichbar motorisierten Verbrenner. 68 PS sind allerdings noch nicht das Ende der Fahnenstange, die maximale Leistung beträgt 115 PS und ist ebenfalls über den Bordcomputer einstellbar, je nachdem ob man sich gerade im Stadt- oder im Überlandverkehr bewegt. Abgeregelt wird aber auf jeden Fall bei 135 km/h.

Golf blue-e-motion Stecker

Je mehr Leistung man auswählt (und abruft), desto schneller sinkt natürlich auch die Reichweite. Die ist laut Datenblatt auf 150 km angegeben, kann aber laut des mitfahrenden Instructors auf bis zu 210 km ausgedehnt werden. Um die zu erreichen, muss man seine Fahrweise allerdings sehr bedacht gestalten. Losgefahren mit knapp 160 Kilometern Rest-Reichweite, schaffte es meine Freundin innerhalb von 5 km die Reichweite knapp zu halbieren. Da konnte auch die Segel-Fahrstufe nicht mehr viel ausmachen… 😉

Golf blue-e-motion Kofferraum

Vom Platzangebot im Innenraum merkt man nahezu keine Einschränkungen, fünf Personen finden nachwievor ihren Sitzplatz. Einzig der Kofferrauminhalt musste für den Stromspeicher zurückweichen. Der umgekehrt daraus entstehende Vorteil: man hat nicht mehr diese hohe Ladekante, die der „normale“ Golf 6 bisher hatte. 😉 Die übrigen Akkupacks sind dann verteilt unter den Fond-Sitzen und dem Mitteltunnel.

Golf blue-e-motion Akku

Die Reichweite von 150 km klingt natürlich erstmal nicht viel und wird auch für einen Wochenend-Pendler wie mich ein krasses Contra-Argument bei der Kaufentscheidung sein. Doch viele andere Menschen müssen gar nicht soweit fahren im täglichen Leben. Für den Berufspendler, der vielleicht einen Weg zur Arbeit von maximal 30 Kilometern hat, langt das schon fast für zwei Tage, für alle anderen sogar noch länger. Und danach ist der Akku über die zwei Ladebuchsen (an der alten Tankklappe und dem VW-Logo an der Front, je nachdem wie man zu einer Ladesäule parken konnte) in maximal sechs Stunden geladen – hat man eine 400 V-Steckdose, halbiert sich die Ladezeit sogar.

Golf blue-e-motion Ladung

Der Golf 6 Blue-e-Motion wird in dieser Form übrigens nie das Licht der Marktreife erblicken, auch wenn diese Fahrzeuge der „Testreihe Elektromobilität“ alles andere, nur nicht wie ein Versuchsfahrzeug aussehen. Vielmehr wird er wichtige Erkenntnisse für den im kommenden Jahr startenden e-Up und natürlich auch für den Golf 7 (ab 2014) mit reinem Stromantrieb liefern. Bis dahin soll auch die Reichweite wesentlich vergrößert werden, was der Kundenakzeptanz nicht schaden dürfte.

Und bis dahin kann man den Golf Blue-e-Motion noch in Wolfsburg an der Autostadt testen. Ist man von Montag bis Samstag an Ort und Stelle, besteht wohl sogar die Möglichkeit, einen Porsche Panamera S hybrid (im Bild unten im Hintergrund zu sehen) Probe zu fahren – ich war aber leider am Sonntag da…

Golf blue-e-motion Seite

5 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Deutscher Auto Blogger Digest vom 18.12.2012 › "Auto .. geil"

  2. Ein guter Anfang.
    Ich selbst würde mir einen Elektro-Golf mit 700 KM Reichweite für max. 20.000 Eur wünschen.
    Zukunftsmusik?

    • Ja, wünschen würde ich mir das auch. Aber ich fürchte, das ist noch für einige Jahre Zukunftsmusik. Sowohl die Akkus für diese Reichweite, als auch die immer noch sehr hohen Produktions- und Entwicklungskosten dürften vorerst schwierig auf dieses Preislimit gedrückt werden können.

      Inzwischen wird für den Golf 7 in der Elektroversion eine Reichweite von 275km von VW vorhergesagt, aber wenn er dann 2014 erscheint, muss man wohl trotzdem mit einem Preis um 40000 Euro rechnen.

      • 275 Kilometer Reichweite und ein Kaufpreis von 40.000 Eur für den VW Golf7, wer soll das bezahlen?

        • Ja, das ist noch das Problem. Aber das haben eben auch die ganzen anderen Hersteller – der BMW i3 wird voraussichtlich auch erstmal ab einem Preis von 40k Euro angeboten.